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Biotin bei Hufrehe

Biotin bei Hufrehe

Wie Biotin hilft und warum Kollagen den entscheidenden Unterschied macht

Biotin ist das meistempfohlene Supplement für Hufrehe-Pferde. Tierärzte sagen es, Hufschmiede empfehlen es, Futtermittel-Hersteller packen es überall rein. Aber es gibt ein großes Problem: Viele Pferdebesitzer sind ungeduldig.

In diesem Artikel erfährst du, was Biotin wirklich ist und was es nicht kann, wie es wissenschaftlich fundiert bei Hufrehe wirkt, welche Dosierung dein Pferd tatsächlich braucht, warum die lange Wirkdauer von 7–9 Monaten kein Nachteil, sondern ein Qualitätsmerkmal ist, und wie die Kombination mit Aktivkollagen die Ergebnisse beschleunigen kann.  Dieser Blog enthält zusätzlich praktische Strategien, die dir helfen, während der Aufbauphase geduldig zu bleiben.

Was ist Biotin wirklich?

Biotin (auch Vitamin B7 oder Vitamin H genannt) ist ein wasserlösliches B-Vitamin, das dein Pferd täglich braucht. Seit Jahrzehnten ist es als klassisches „Hufvitamin“ bekannt.

Viele Pferdehalter glauben, dass mehr Biotin automatisch zu besseren Hufen führt. Doch die biologische Realität zeigt ein differenzierteres Bild: Biotin ist nicht der Baustoff selbst, sondern der entscheidende Katalysator, der die eigentlichen Bausteine des Hufhorns miteinander verbindet.

Gerade nach einem Reheschub ist Biotin sinnvoll, da es die Qualität der neu wachsenden Hornwand verbessert. Wichtig ist jedoch: Biotin wirkt nicht sofort, sondern zeigt erste Effekte erst nach 8–16 Wochen, da Hufhorn langsam wächst.

Die Biologie dahinter verstehen

Das Hufhorn besteht zu etwa 95% aus Keratin, einem Strukturprotein, das wie eine lange Kette aus einzelnen Bausteinen aufgebaut ist. Diese Bausteine müssen durch sogenannte Schwefelbrücken (Disulfidbrücken) fest miteinander verbunden werden – vergleichbar mit den Gliedern einer stabilen Kette.
Genau hier entfaltet Biotin seine eigentliche Wirkung: Als Coenzym aktiviert es jene Enzyme, die für die Bildung dieser Schwefelbrücken verantwortlich sind. Biotin funktioniert dabei wie ein Dirigent, der den Enzymen zeigt, wo Verbindungen geknüpft, verstärkt oder flexibel gestaltet werden müssen, um ein stabiles und gleichzeitig elastisches Hufhorn zu bilden.

Das ist der grundlegende Unterschied: Biotin lässt das Horn nicht schneller wachsen. Es macht es besser.

Was Biotin NICHT ist:
❌ Kein Schmerzmittel – hilft nicht gegen akute Hufschmerzen
❌ Kein Anti-Entzündungs-Mittel – behebt nicht die entzündete Lederhaut
❌ Kein Wunder-Supplement – braucht Zeit, um zu wirken
❌ Kein Reparatur-Material – ist kein Baustein, sondern ein Werkzeug
❌ Nicht spezifisch für Hufe – Biotin verbessert auch Fell, Haut, Haarwechsel

Was Biotin ist:
✅ Ein Coenzym für Keratin-Synthese – stabilisiert Hornprotein
✅ Essentiell für Hornqualität – nicht für Geschwindigkeit, sondern Stabilität
✅ Ein biologischer, nicht chemischer Ansatz – der Körper nutzt es physiologisch normal
✅ Präventiv langfristig wirksam – je früher gegeben, desto besser die Prävention

Warum Hufrehe-Pferde besonders von Biotin profitieren

Bei einer akuten Hufrehe-Episode durchläuft der Huf eine dramatische Strukturveränderung: Die Lederhaut entzündet sich massiv, wodurch sich die wichtigen Kollagenverbindungen auflösen und die gesamte Tragstruktur des Hufs geschwächt wird. In der Folge kann die Hornwand dem enormen Druck nicht mehr standhalten und wächst häufig verformt nach.
Doch die eigentliche Herausforderung zeigt sich erst langfristig: Nach überstandener Hufrehe bleibt die Hornwand oft strukturell beeinträchtigt. Selbst wenn die Lederhaut vollständig abheilt, weist das nachwachsende Horn häufig erhebliche Qualitätsmängel auf – von rauer Oberfläche über brüchige Ränder bis hin zu gestörtem Feuchtigkeitshaushalt, was die Anfälligkeit für Infektionen und Risse deutlich erhöht.
Genau hier entfaltet Biotin seine besondere Bedeutung: Während die akute Entzündung mit anderen Therapieansätzen und entzündungshemmenden Maßnahmen behandelt wird, sorgt Biotin im Hintergrund dafür, dass das nachwachsende Hufhorn von Anfang an eine optimale Struktur entwickelt.

Warum Biotin nur ein Teil der Lösung bei Hufrehe ist

So wertvoll Biotin ist, bei Hufrehe stößt es allein an seine Grenzen. Warum? Weil Hufrehe keine reine Hornkrankheit, sondern eine entzündliche Erkrankung der Huflederhaut ist.

Was Biotin NICHT löst:

Insulinresistenz: Biotin behandelt nicht die metabolische Ursache von Hufrehe

Akute Lederhaut-Entzündung: Biotin lindert nicht den Schmerz oder die Entzündung

Kollagen-Reparatur: Biotin liefert nicht die Bausteine für Kollagen-Regeneration

Schnelle Heilung: Biotin ist langfristig, nicht kurzfristig wirksam

Die Wahrheit über die Wirkungsdauer von Biotin

Ein Pferdehufe wächst etwa 6-9 mm pro Monat. Das ist die biologische Konstante. Auch bei einem Hufrehe-Pferd wächst die Hufe nicht schneller, bei einem jungen Pferd nicht schneller als bei einem alten. Das bedeutet: Die alte, beschädigte Hornwand muss komplett herauswachsen, bevor du die volle Wirkung siehst.

Der zeitliche Ablauf bei Hufrehe mit Biotin:

Phase Zeitrahmen Was passiert im Huf
Akute Episode Woche 0–4 Entzündung der Huflederhaut, akuter Schmerz, strukturelle Instabilität. Notfall-Management steht im Vordergrund. Biotin wird bereits verstoffwechselt, zeigt aber noch keine sichtbaren Effekte, da neues Horn erst gebildet werden muss.
Frühe Regeneration Woche 4–8 Entzündungsprozesse klingen ab (unterstützt durch Aktivkollagen). Erste neue Hornzellen entstehen an der Kronrandzone. Biotin verbessert bereits die Keratinqualität dieser neu gebildeten Zellen.
Mittlere Regenerationsphase Woche 8–16 Die neu gebildete Hornwand wächst sichtbar nach unten. Die Hornstruktur ist fester, homogener und weniger brüchig. Biotin zeigt nun sichtbare Effekte auf Hornqualität und Stabilität.
Langfristige Stabilisierung Monat 5–9 Die alte, durch Hufrehe geschädigte Hornwand wird zunehmend herausgewachsen. Die neue Hornwand – mit verbesserter Struktur durch Biotin – bildet nun den Großteil der tragenden Hufwand.
Dauerhafte Prävention ab Monat 9 Neubewertung der Versorgung. Bei Kombination aus Biotin und Aktivkollagen ist die Hufstruktur stabiler, die Lederhaut belastbarer und das Rezidivrisiko für Hufrehe deutlich reduziert.

 

Die richtige Biotin-Menge für dein Pferd

Die meisten Biotin-Produkte geben 10mg oder 20mg pro Tagesmesslöffel an. Das macht die Dosierung einfach:

  • 1 Messlöffel für Prävention
  • 2 Messlöffel bei Hufrehe

Die Faustregel: Lieber etwas zu viel als zu wenig, aber übertrieben ist auch nicht nötig.

Biotin-Studien zeigen, dass therapeutische Dosierung (20–30 mg/Tag) die beste Balance ist für Hufrehe-Pferde. Darunter (10–15 mg) ist meist zu wenig für messbare Effekte. Darüber (>35mg) bringt nicht proportional bessere Ergebnisse. Spreche die Dosierung am besten mit deinem Tierarzt ab. 

Wichtiger Hinweis zur Aufnahme:

Biotin ist wasserlöslich, das heißt: Der Körper kann nur nutzen, was er gerade braucht. Das Überschüssige wird mit dem Urin ausgeschieden. Deshalb ist eine Überdosierung praktisch unmöglich, aber beachte auch, dass zu wenig gar nicht hilft.

Rolle von Kollagen für die Hufgesundheit

Die Huflederhaut (Dermis) – das empfindliche, lebende Gewebe unter dem Horn – besteht hingegen überwiegend aus kollagenreichem Bindegewebe. Sie verbindet das Hufbein mittels lamellenartiger Ausziehungen mit der Hornkapsel. Dieses kollagene Geflecht bildet den Hufbeinträger: Fingerförmige Lederhaut-Lamellen verzahnen sich mit entsprechenden Hornlamellen der Hufwand und halten so die Hufkapsel flexibel, aber fest am Hufbein. Kollagen Typ I ist dabei der dominierende Faserbestandteil (ähnlich wie in Sehnen, Bändern und Haut). Zusätzlich enthält die Lederhaut Kollagen Typ III (für Elastizität) und Typ IV (Bestandteil der Basalmembran der Lamellen).

Der hohe Kollagenanteil gibt der Lederhaut Zugfestigkeit, während eingebettete elastische Fasern für notwendige Nachgiebigkeit sorgen. Dieses Geflecht erlaubt der Hufkapsel, sich bei Belastung leicht zu verformen und dann wieder in Form zu gehen, ohne dass sich Hufwand und Hufbein gegeneinander verschieben – solange die Kollagenstruktur intakt ist. 

Kollagenfasern sind essenziell für die strukturelle Integrität des Hufes. Sie bilden das zugfeste „Gerüst“ in der Huflederhaut, das die Hornkapsel mit dem Hufbein verbindet. Ein intaktes Kollagennetzwerk in den Lamellen hält die Hufwand stabil an Ort und Stelle und gewährleistet dennoch ausreichende Elastizität für den Hufmechanismus.

Ist dieses Bindegewebe stark und gesund, bleibt der Huf belastbar und die Verbindung zwischen Horn und Knochen zuverlässig. Bei Schwächung des kollagenen Gerüsts hingegen (etwa durch Mangelernährung oder Krankheit) können sich Probleme zeigen – z.B. lose oder ausfransende weiße Linie, Hornspalten oder eine erhöhte Anfälligkeit für Hufrehe.

Kollagenabbau bei Hufrehe (Laminitis)

Bei Hufrehe handelt es sich um eine schmerzhafte Entzündung der Huflederhaut, bei der es zur Trennung von Hornkapsel und Lederhaut kommt.

So zeigte eine kontrollierte Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover, dass Pferde nach 3 Monaten Kollagen-Hydrolysat-Fütterung ein signifikant kräftigeres Wachstum von Hufhorn (und Fell) aufwiesen als eine unbehandelte Kontrollgruppe. Zwar steht ein endgültiger wissenschaftlicher Beweis noch aus und Kollagen ersetzt keinesfalls eine tierärztliche Therapie, doch könnte Aktivkollagen (hydrolysiertes, optimal verfügbares Kollagen in Peptidform) ein nützlicher Baustein im Management sein. Es liefert spezifische Aminosäuren und Peptide, die gezielt die Kollagensynthese in Huflederhaut, Sehnen und Knorpeln anregen. Damit kann es die konventionellen Maßnahmen (Diät, Hufpflege, Medikamente) unterstützen, um Hufrehe vorzubeugen oder die Heilung zu fördern.

Diese Doppelstrategie von der Vergabe von Biotin zusammen mit Aktivkollagen behandelt nicht nur das akute Problem, sondern baut gleichzeitig einen nachhaltigen Schutz für die Zukunft auf. Dies ist ein entscheidender Baustein in der langfristigen Hufrehe-Prophylaxe.

Monat / Phase Aktivkollagen Biotin Zusätzliche Maßnahmen
0–1 (Akutphase) 50 g täglich 20–30 mg täglich Tierärztliche Betreuung, ggf. NSAIDs bei akuter Rehe, konsequente Kühlungsmaßnahmen, striktes Bewegungsmanagement
2–3 50 g täglich 20–30 mg täglich Angepasstes Trainings- und Bewegungsmanagement, kontrollierte Bewegungstherapie, engmaschige Beobachtung
4–6 50 g täglich 20–30 mg täglich Optimierung von Hufbearbeitung oder orthopädischem Hufbeschlag, weitere Stabilisierung der Hornstruktur
7–9 25–30 g täglich (Erhaltungsdosis) 20–30 mg täglich (weiterführen) Regelmäßige Kontrollen von Gangbild, Hufwachstum und Belastbarkeit
ab 10–12 ca. 25 g täglich (Prävention) ca. 20 mg täglich (Erhaltung) Langfristige Fütterungsstrategie zur Reduktion des Rezidivrisikos, fortlaufende Hufpflege und Management

Fachlicher Hinweis: Die genannten Dosierungen dienen der Orientierung und ersetzen keine tierärztliche Diagnose oder Therapie. Die Fütterung sollte stets individuell an Gesundheitszustand, Gewicht und Stoffwechsellage des Pferdes angepasst werden.

FAQs


F: "Muss ich Biotin ganzjährig geben oder nur im Herbst/Winter?"

A: Das hängt ab:

  • Prophylaxe (normales Pferd): Ganzjährig 10-15mg (kontinuierlicher Schutz)
  • Rehe-gefährdet (EMS/Cushing/Rehegeschichte): Ganzjährig 20-30mg
  • Nach Episode: Minimum 12 Monate durchgehend, dann reevaluieren

Wenn du angefangen hast, nicht zwischendrin stoppen. Biotin wirkt akkumulativ, unterbrochene Gabe ist weniger wirksam.

F: "Kann ich Biotin mit anderen Supplements kombinieren?"
A: Ja, absolut. Ideal kombiniert mit:

✅ Aktivkollagen (wie beschrieben)

✅ Zink, Mangan, Kupfer (Mineralien für Hornqualität)

✅ Vitamin E, Selen (Antioxidantien)

✅ Methionin (essentielle Aminosäure)

⚠️ Vorsicht mit: Zu viel Vitamin A gleichzeitig (kann Biotin-Absorption hemmen) 

F: "Biotin oder Aktivkollagen – was soll ich wählen?"
A: Nicht entweder-oder, sondern BEIDE!

Nur Aktivkollagen: Schneller wirksam (6-12 Wochen), aber ohne Biotin fehlende Langzeitstabilität der Hornwand

Nur Biotin: Langfristig stabil (7-9 Monate), aber ohne Aktivkollagen fehlt schnelle Entzündungsreduktion und die Flexibilität und Stabilität der Huflederhaut

Zusammen: Best of both worlds.

Praktische Checkliste to-go: Sollte auch mein Pferd Biotin nehmen?

Ist mein Pferd älter als 10 Jahre? → Ja: Biotin sinnvoll

Hat mein Pferd Hufprobleme (Risse, Schälungen, schlechte Qualität)? → Ja: Biotin essentiell

Hat mein Pferd EMS oder Cushing? → Ja: Biotin 20mg+ täglich

Hatte mein Pferd schon Hufrehe? → Ja: Biotin 12 Monate minimum (20mg+)

Hat mein Pferd eine lange Karriere noch vor sich? → Ja: Präventives Biotin lohnt sich

Lese mehr zu dem Thema in dem nächsten Blog: Murphys Fall. 

 

Eine Zusammenfassung von Laura Hausmanns 
Danke an dieser Stelle Frau Dr. med. vet. Beatrice Dülffer-Schneitzer für den Austausch bei der Erstellung dieses Beitrages. Für die praktischen Tipps einen herzlichen Dank an Bettina Staude

Referenzen: 

Geyer & Schulze 1994 – Langzeitstudie Biotin beim Pferd The long-term influence of biotin supplementation on hoof horn quality in horses. Schweiz Arch Tierheilkd. 1994;136(4):137–149.

Lipizzaner / „Spanische Hofreitschule“ – Biotin-Therapiestudie Zenker W, Josseck H, Geyer H. Histological and physical assessment of poor hoof horn quality in Lipizzaner horses and a therapeutic trial with biotin and a placebo. Equine Veterinary Journal. 1995;27(3):183–191

Pferde Gesundheitsbuch: Einzigartige Kombination aus Schulmedizin und alternativen Heilmethoden Gebundene Ausgabe – 25. Oktober 2024
von Dr. med. vet. Beatrice Dülffer-Schneitzer (Autorin)

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